Freitag, 4. September 2020

Verführung zur unmöglichen Liebe

Amal El-Mohtar und Max Gladstone führen uns in einen Krieg um die Liebe. In ihrer eleganten, poetischen Novelle This is How You Lose the Time War sind die eigentlichen Gewinner wir, die Leserinnen und Leser.

Für den französischen Philosophen Jean Baudrillard steht die Verführung nicht nur vor, sondern auch über der Liebe, denn während die Vorstellung von idealer Liebe einen Endzustand erträumt, in dem sich alle Widersprüche auflösen, geht die Verführung »von einer rätselhaften dualen Beziehung, einer werbenden, starken und geheimnisvollen Anziehung zwischen den Lebewesen und Dingen aus. Sie ist keine Form der Antwort, sondern eine Herausforderung, ein Duell, eine geheime Distanz und ein ständiger Antagonismus, aus dem sich Spielregeln ausbilden.«  [J. Baudrillard, Die Macht der Verführung] Wenn die Verführung eine Form des Duells ist, kann ein Duell dann auch zur Verführung werden?

Die feindlichen Agentinnen Red und Blue führen einen Kampf um die Zukunft aller Welten, doch wem ist der Krieger in der Einsamkeit des Schlachtfeldes näher als seinem Gegenstück auf der anderen Seite? Einen ebenbürtigen Gegner können wir respektieren, wir sehen uns in ihm und wenn der Kampf lang genug währt, dann wird er zu einem gemeinsamen Tanz und die Feindschaft zur Anziehung. So macht irgendwann einer der Kontrahenten eine respektvolle Geste oder einen spöttischen Gruß über Frontlinien hinweg, dem anderen zu zeigen, dass er ihn sieht. Nicht als Feind, nicht als Freund, sondern als Mensch.

Die Todfeinde Red und Blue öffnen diese Tür, in dem sie über die Geschehnisse und Manöver ihres Kampfes hinweg Kontakt zueinander aufnehmen. Zwei verbissene, geniale Schachspielerinnen, die sich plötzlich über das Brett hinweg in die Augen sehen. Und was sie dort sehen, ist ein Spiegel ihrer selbst. Aus einem Duell der Gegensätze wird ein gemeinsamer Kampf, ein Spiel und schließlich …  ohne es zu ahnen, ist es für Red und Blue der Beginn einer gegenseitigen Verführung mit ungewissem Ausgang.

»What do I want? Understanding. Exchange. Victory. A game – hiding and discovery. You’re a swift opponent, Blue. You play long odds. You run the table. If we’re to be at war, we might as well entertain one another.« [S. 46]

Ihr Krieg ist unendlich variantenreicher als Schach. Beide sind Gesandtinnen aus einer fernen Zukunft und für jede steht die eigene Welt auf dem Spiel. Blue und Red sind Elite-Soldatinnen in einem Zeitkrieg um alternative Wirklichkeiten. Als hochprofessionelle, präzise Agentinnen stürzen sie Welten und Zivilisationen in Abgründe oder heben sie aus diesen hervor. Wie in einem unfassbar komplexen Setzkasten werfen sie Millionen von Leben in die Restekiste der Zeit, wie ein Kind Playmobil-Figuren sortiert. Ein Wissenschaftler, der unerwartet eine Naturkatastrophe überlebt; eine Entdeckung, die nie gemacht wird; ein Krieg, der anders ausgeht als erwartet; ein Mönch, den der Klang des Windes zu einer neuen Religion inspiriert – Red und Blue verursachen Domino-Kaskaden durch die Jahrtausende. Oft sind es nur vermeintliche Kleinigkeiten, die wie Schmetterlingsflügel Imperien zum Einsturz bringen. Das Spiel, mit dem Red die subtile Manipulation der Zeitstränge vergleicht, ist nicht Schach, sondern Go.

»She plays a tenuous game, this strand. As she knots and thinks to herself, she decides she would describe it using terms from Go: You place each stone expecting it may do many things. A strike is also a block is also a different strike. A confession is also a dare is also a compulsion.« [S. 68]

10 hoch 171 ist die Anzahl der möglichen Stellungen auf einem Go-Brett und jeder Zug ist Berechnung und Ungewissheit zugleich. In diesem Multiversum fangen sich die beiden kühlen Vollstrecker gegenseitig in einem Katz und Maus Spiel, einem Duell aus Necken und Provozieren, aus Distanz und Nähe – die Quintessenz der Verführung. Red und Blue beginnen, Botschaften an den jeweils anderen in ihrem Spiel zu verstecken. Nach Außen hin unversöhnliche Feindinnen verschicken sie heimliche Briefe, die ihren Kriegsherren und Auftraggebern entgehen.

This is How You Lose the Time War berichtet uns über dieses Verhältnis hauptsächlich durch diese Briefe. Gladstone und El-Mohtar entfalten eine Brieffreundschaft unerhörter Raffinesse. Botschaften im Klang des Windes, in den Ringen eines alten Baumes oder dem Kreisen der Teeblätter in einer Tasse feinsten Porzellans. Für die Zeitsoldatinnen sind die Welten selbst die Leinwände ihrer Gefühle füreinander. Und je mehr sie die andere kennenlernen, desto mehr öffnen sie sich, offenbaren ihre Träume und Sehnsüchte. Wie zwei Teenager, die zum ersten Mal wahre Liebe entdecken, sind sie zugleich erschrocken über das unbekannte Terrain, das sie betreten. 

»I feel – I can’t say precisely what. I’m shaken. You know the edges of old maps that promise monsters and mermaids? Here there be dragons?« [S. 81]

Welch schönere Metapher könnte es geben für den Mut, den die Liebe von uns fordert? Beide wagen sich mit vorsichtigen Schritten in die entstehende Liebe, denn sie sind auf der Flucht vor einem gemeinsamen Feind: der Einsamkeit des Soldaten. Als Agentinnen des Zeitkrieges sind sie nur Werkzeuge, wertvolle Figuren eines Spieles, dessen Regeln und Züge sie nicht bestimmen. In ihrem Briefwechsel finden Red und Blue zum ersten Mal einen Gegenentwurf zu einem multidimensionalen Krieg, in dem letztlich nichts Bestand und Sinn hat.

»In the war they wage through time, what lasting advantage comes from murdering ghosts, who, with a slight shift of threads, will return to life or live different lives … Repetitive task, murder. Kill them and kill them again, like weeds, all the little monsters.« [S. 175]

Doch die Liebe von Red und Blue ist unmöglich. Es ist eine Liebe unter Kriegsgegnern, die nicht sein darf. In ihrer Sehnsucht, gemeinsam das Schlachtfeld zu verlassen, machen sie sich den Krieg selbst zum Feind. Die Kriegsparteien sind elementare Antagonismen, die weit flussabwärts in einer entfernten Zeit alles daran setzen, die jeweils anderen Zukünfte und Möglichkeiten niemals geschehen zu lassen. Auf der einen Seite die alles umsorgende, steuernde Matrix eines perfekten technophilen Endzustandes; auf der anderen der Sieg des Lebens über alles Unbelebte, ein grenzenlos umschlingender organischer Kosmos aus ewigem Vergehen und Werden. Biosphäre contra Technosphäre, die wie These und Antithese gegeneinander stehen. 

Zwischen diesen Welten scheint kein Kompromiss und keine Annäherung möglich. Für diese Gegner ergeben Romantik, Verführung und Liebe nur als verzuckertes Gift einen Sinn, sie kennen weder Empathie noch Gnade für einen Agenten des Feindes. Und wer spätestens hier beginnt, an Romeo und Julia zu denken, a pair of star-cross'd lovers, liegt nicht so falsch. Zwei Liebende, vom Unstern bedroht, nicht nur in fair Verona, sondern in allen Zeiten und Dimensionen. Doch während die Zuschauer des Elisabethanischen Zeitalters nicht nur keine Probleme mit Spoilern hatten, sondern diese sogar erwarteten, führen El-Mohtar und Gladstone den Leser in eine Ungewissheit aus Sehnsucht und Zweifeln. Was, wenn all dies nur ein perfider Trick der Gegenseite ist? »The best way to find out if you can trust somebody is to trust them«, schreibt Ernest Hemingway. Die wachsende Spannung dieser Liebesgeschichte entsteht durch diese elementare Unsicherheit, die nur durch einen mutigen Sprung in völliges Vertrauen gebannt werden könnte.

Die Geschichte, die uns Amal El-Mohtar und Max Gladstone erzählen, zeigt, was für eine großartige Länge eine Novelle hat. Ein Zwischenschritt zwischen einem überlangen Roman, den nur sehr wenige wirklich füllen können, und dem Hunger nach Mehr, den eine großartige Kurzgeschichte in uns zurücklässt. 

El-Mothar und Gladstone schreiben in einer eleganten, poetisch fließenden Sprache, weit über dem Durchschnitt des Genres und in einer Liga mit Sofia Samatar, Naomi Novik, Neil Gaiman, David Mitchell oder Ursula K. LeGuin. Manche Passagen war ich versucht, mir vorzulesen, um der Satzmelodie zu lauschen. Im SF Genre wird vielleicht etwas zu selten über Stil geredet und das finde ich schade, denn hier liegt der Schlüssel, den eine Geschichte zu unserem Herzen hat.

»I have been birds and branches. I have been bees and wolves. I have been ether flooding the void between stars, tangling their breath into networks of song. I have been fish and plankton and humus, and all these have been me.« [S. 72]

In allererste Linie aber ist diese Novelle eine Liebeserklärung an den Brief, jenes verzögerte Gespräch zwischen zwei Menschen; an die Zweifel und Sehnsüchte, die jeden Liebesbrief begleiten. Kein schneller Chat, sondern ein Bangen und Warten auf Antwort und Gegen-Antwort. Ein elegantes Medium aus zivilisierteren Tagen. Gladstone und El-Mothar transportieren das alte, klassische Format des Brief-Romans in die Multiversen eines schillernden und originellen SF Sujets und lassen uns auf eindrucksvolle Weise die Kraft des geschriebenen Wortes spüren. 

»… to read your letters is to gather flowers from within myself, pluck a blossom here, a fern there, arrange and rearrange them in ways to suit a sunny room.« [S. 90]

»A letter is more than text. She read Blue into her: tears, breath, skin – most of these traces were scrubbed away, but a few remain. She builds a model of Blue’s mind from the words she left.« [S. 183]

Mit ihrer Novelle haben Amal El-Mohtar und Max Gladstone einen Klassiker geschaffen, den man auch in vielen Jahren noch kennen und lesen wird. This is How You Lose the Time War wird zurecht einen sicheren Platz in zukünftigen »Best of …« Sammlungen einnehmen.

Keine Kommentare:

Kommentar posten