Freitag, 10. Juni 2022

To boldy return to where we have been a thousand times

Ich habe mittlerweile die zweite Folge von Star Trek Strange New Worlds gesehen. Die Rückkehr zur Binnenhandlung finde ich toll und richtig! Die Folge ist spannend und alles, trotzdem bin ich insgesamt unentschlossen. Die Einführung der Personen und ihre Hauruck-Holzschnitt-Charakterisierung fühlt sich schon sehr nach Wohlfühldrehbuch-Algorithmus an. Uhuras Backgroundstory fand ich ermüdend, das ist alles klischeehaft und platt. Das war bei Star Trek selten anders, aber kriegen wir das mittlerweile nicht besser hin? Schauspielerisch überzeugt mich vor allem Anson Mount als Pike, der den Rest in die Tasche steckt. Melissa Navia und Dean Jeanotte haben zumindest schon mal einen Sympatico-Bonus (siehe oben unter Drehbuch Algorithmus). 

Strange New Worlds ist gut genug (und immerhin meilenweit besser als Picard und Discovery!), um mir irgendwann noch mehr Folgen anzusehen, aber die 60er Klischees der guten Amerikaner im glossy Gewand ergeben halt ein B-Picture. Das muss man wohl akzeptieren.


Das Problem der Serie mag sein, dass sie im Dreikampf mit MCU und Star Wars nur Erfolg hat, wenn sie irgendwie "für alle" konsumierbar ist. Und da zielen die Psycho-Targeter der Studios auf eine Zielgruppe, die man offensichtlich auf Tele Novela Niveau einschätzt. Ob dies so ist, sei dahingestellt. Und diese Targetgroup braucht anscheinend äußerst klischeehafte Mikro-Charakterisierungen fürs emotionale Matching. Gähn.


Trotzdem macht das Star Trek Universum mit Strange New Worlds einen Schritt nach vorne. Und wer weiß, wie sich die Serien noch entwickelt. Vielleicht schwimmt, äh fliegt, sich die Crew um Captain Pike ja noch frei … to bold go to where we are not sedated by the same Hollywood clichés over and over again.

Sonntag, 7. März 2021

Der letzte Mensch

    (Der amerikanische Schriftsteller Fredric Brown veröffentlichte in den 40er Jahren eine der kürzesten Geschichten, die es gibt. Sehr viele kennen sie. Sie passt in eine Zeile:

    The last man on Earth sat alone in a room. There was a knock on the door ...

Viele haben sich gefragt, wie diese Geschichte wohl weitergehen könnte. Vor einigen Jahren habe ich versucht, darauf meine eigene Antwort zu finden.)


    Der letzte Mensch der Welt saß in einem Raum. Da klopfte es an der Tür.

    Der Mann, der auf einem Stuhl an einem Tisch saß, starrte auf die Tischplatte zwischen seinen Händen. Sein Atem beschleunigte sich. Er zwang sich dazu, nicht zur Tür zu blicken.

    Da klopfte es ein zweites Mal.

    »Geh weg.« Seine eigene Stimme hatte er eine lange Zeit nicht mehr gehört. Sie klang ungewohnt für ihn. Stumm wiederholten seine Lippen die Worte. Geh. weg.

    Minuten verstrichen. Langsam hob der Mann seinen Kopf und blickte zur Tür.

    Das Klopfen wiederholte sich. Es klang lauter, drängender. Der Mann stand auf und trat zur Tür. Der Raum, in dem er lebte, war sehr klein. Sein Herz schlug schneller, als er seine Handfläche langsam auf das Holz legte. Mit großer Wucht schlug jemand von der anderen Seite mehrmals dagegen. Genau an die Stelle seiner Hand. Schnell nahm er sie zurück.

    »Geh weg!« Lauter diesmal.

    »Nein.« Die Stimme von der anderen Seite war gedämpft, aber deutlich.

    Am liebsten wäre der Mann bis zur gegenüberliegenden Wand zurückgewichen, doch er schaffte es, stehen zu bleiben. Er trat an die Tür und legte vorsichtig ein Ohr an das Holz. Jeden Moment erwartete er die nächsten Schläge, doch nichts geschah. Mit geschlossenen Augen versuchte er, durch die Tür zu lauschen. War das ein Atmen, den er hörte? Oder das Scharren eines Fußes? Vielleicht war es nur das Rauschen in seinen Ohren.

    »Du kannst nicht da sein«, rief er. »Ich bin der letzte Mensch.«

    »Das stimmt.«

    Darauf ging der Mann in die Knie und legte sich auf den Boden, um unter dem schmalen Türspalt hindurch zu sehen. Es war hell auf der anderen Seite und er sah zwei Schatten, die Füße sein konnten. Sie bewegten sich leicht. Sein Mund wurde trocken und das Herz in seiner Brust hämmerte. Als er sich wieder im Griff hatte, erhob er sich. »Wer bist du?«

    »Ich bin ein Teil von dir.« Wieder kam das Klopfen. »Lass mich rein.«

    »Wenn du ein Teil von mir bist, wie kannst du dann auf der anderen Seite der Tür sein?«

    »Du selbst hast mich fortgeschickt.«

    Der Mann runzelte verwundert die Stirn und dachte angestrengt nach. »Daran kann ich mich nicht erinnern.«

    »Ich weiß. Ich bin deine Erinnerung.«

    Der Brustkorb des Mannes hob und senkte sich in einem schnellen Rhythmus. Sein Atem erstarrte, als er sah, wie sich die Türklinke senkte. Er hatte vergessen, ob er die Tür abgeschlossen hatte. Von der anderen Seite wurde heftig an der Türklinke gerüttelt. Sie war verschlossen.

    »Was willst du?«, schrie der Mann.

    »Ich will zurück zu dir. Du brauchst mich.«

    Nur mit Mühe konnte er seine Stimme beruhigen. »Warum habe ich dich weggeschickt?«, fragte er betont und langsam.

    »Ich habe dir wehgetan.«

    Er machte einen Schritt zurück, bis er hinter sich die Tischkante spürte. »Und wenn ich dich hineinlasse. Dann tust du mir wieder weh?«

    »Du brauchst mich.«

    »Woran werde ich mich erinnern, wenn ich dich hinein lasse?«

    Eine Zeit lang herrschte Schweigen.

    »An dein Leben, bevor du dich in diesem Raum eingeschlossen hast.«

    Das Zittern seiner Hände ließ sich nur schwer unterdrücken. Sie ballten sich zu schmerzhaften, hilflosen Fäusten. »Ich bin der letzte Mensch. Ich kann nicht hinaus.«

    »Ich weiß. Du brauchst mich.«

    Langsam sank der Mann zu Boden und kauerte sich zusammen. »Geh weg«, flüsterte er.

    »Bitte«, sagte die Stimme.

    Der Mann kroch unter den Tisch und legte sich die Hände über das Gesicht. Er bewegte sich nicht. Das Klopfen wurde nicht mehr wiederholt. Die Stimme schwieg und das Schweigen hielt an.

    Irgendwann kamen die Tränen.

Donnerstag, 4. Februar 2021

Das Leben ist ein Ponyhof

       (Diese kurze Geschichte ist vor fünf Jahren aus einer kleinen Schreibübung entstanden. Vor kurzem bin ich wieder darüber gestolpert und musste feststellen, dass ich sie mag.)

Sie war einfach nicht schnell genug.

Mit jeder Ecke, jedem Zögern und jeder falschen Abzweigung, die Maura nahm, kam der Gorg näher. Längst hatte sie ihre Sandalen zurückgelassen und rannte barfuß über die Steinplatten. Es war ihr egal, ob der Gorg die Sandalen fand. Maura war sich sicher, dass er ihr ohnehin folgen konnte wie ein Bluthund.

Sie musste einen Ausgang finden. Doch in diesem Labyrinth schien es kein Entkommen zu geben.

Ich bin nur ein kleines Mädchen! wollte sie schreien. Das ist nicht fair!

Doch der Gorg kümmerte sich nicht um Fairness. Er hatte Hunger. Hunger und scharfe Zähne.

Immer links herum, hatte ihr großer Bruder einmal erzählt. Wenn man in einem Labyrinth ist, soll man immer links abbiegen. Maura war sich sicher, dass dieser Ratschlag sie tiefer hineingeführt hatte. Immer weiter von einem Ausgang entfernt. Wenn es hier überhaupt einen Ausgang gab.

Die hübschen Zöpfe, die ihre Mutter geflochten hatten, waren nur noch ein blonder Wust. Maura schwitzte und hatte Seitenstiche. Um diese Ecke noch. Sie war sich sicher, dass sie an dieser Abzweigung noch nie gewesen war.

Schon wieder eine Sackgasse.

Enttäuscht und zornig schlug Maura gegen die Wand. Tränen liefen über ihr Gesicht. Es ging nicht mehr. Sie konnte keinen Schritt mehr laufen. Sie wollte keinen Schritt mehr laufen. Es war vorbei.

Sie lauschte auf ihren Verfolger. Besondere Mühe musste sie sich nicht geben. Die patschenden Schritte des Gorg waren bereits deutlich zu hören.

Erschöpft setzte sich Maura auf den Boden. Ich bin nur ein kleines Mädchen, dachte sie matt. Und jetzt werde ich gefressen.

Bald schon hörte sie das Schnauben und Knurren des Gorg, dann schob sich der massige Körper des Ungeheuers um die Ecke.

Der Gorg war groß, widerlich und sabberte. Sein Leib füllte fast den kompletten Gang aus.

»Hallo … Mädchen«, gurgelte er und trieb Wolken nassen Gestanks vor sich her.

Was sollte sie tun? Hätte sie doch bloß auf ihre Eltern gehört.

Langsam kam der Gorg näher. Gräulicher Schleim tropfte von seinen Hauern, die Krallen seiner Hinterläufe scharrten über den Stein. Winzige Augen musterten sie begehrlich.

Maura hätte sich am liebsten übergeben.

»Bitte …«, flüsterte sie. »Friss mich nicht.«

Der Gorg klappte schmatzend seine Kiefer zu und wieder auf. »Doch.«

Hoffentlich tut es nicht weh, dachte Maura.

Wie ein stinkender Berg türmte sich das Untier über ihr auf und öffnete seine Vorderpranken, um das kleine Mädchen zu ergreifen.

Maura schloss die Augen.

Als sie ein überraschtes Grunzen hörte, öffnete sie die Augen wieder. Der Gorg hatte innegehalten und fixierte sie.

»Was ist das?«, fragte er dumpf.

Ein kleines Mädchen, du hirnloser Fleischberg.

Mit einer verhornten Kralle tippte der Gorg Maura überraschend sanft an die Brust.

»Was ist das?«, wiederholte er seine Frage.

Verblüfft blickte Maura auf ihr T-Shirt. »Das? Äh … ein rosa Einhorn.«

»Rosa. Einhorn … «, grollte der Gorg. Maura glaubte, Ehrfurcht in seiner animalischen Stimme zu hören. »Einhorn«, wiederholte der Gorg und das Glitzern in seinen Augen veränderte sich.

»Ja«, sagte Maura und war froh, ein wenig Zeit zu gewinnen. »Bei uns gibt es das überall. Ich habe auch ein Federmäppchen mit einem rosa Einhorn und Anna-Lena …«

»Wie schmeckt es?« Gierig beugte sich der Gorg vor und Schleim tropfte auf Mauras Knie.

»Wie es schmeckt?« Maura war verwirrt. »Das ist nicht zum Essen.«

»Schade.« Der Gorg seufzte und holte mit seinen Pranken aus, um Maura zu zerquetschen.

»Moment!«, schrie Maura im letzten Moment. »Natürlich kann man es essen. Ich weiß, wie es schmeckt. Es ist das Leckerste, was es überhaupt gibt.«

Zitternd erhob sie sich und durchsuchte hektisch die Taschen ihrer Jeans, bis sie das kleine Zuckertütchen gefunden hatte, das sie auf dieser verfluchten Autobahnraststätte eingesteckt hatte.

»So schmeckt rosa Einhorn«, sagte sie und riss das Tütchen auf. »Pfote her.«

Der Gorg öffnete seine Pranke und Maura schüttet die kleine Portion Zucker hinein.

Langsam ließ das Ungeheuer seine schleimige Zunge darüber gleiten. Seine Augen weiteten sich. Ein dunkles Schnurren ließ seinen Körper erzittern wie eine fette Katze.

»So schmeckt rosa Einhorn?«

Maura nickte eifrig.

Für einen Moment war der Gorg still.

»Komm mit, Mädchen«, brummte er dann.

»Wohin?«

»Nach draußen. Bring mich zu den rosa Einhörnern.« 

»Na klar, Gorg«, sagte Maura erleichtert. Hauptsache raus. Der Rest würde sich ergeben.

Montag, 25. Januar 2021

Die Wirklichkeit historischer Zahlen

Historische Zahlenangaben bleiben für uns oft abstrakt, verschwimmen zu einem »ist echt lang her«, einem »ziemlich viel« oder »ganz schön wenig«. Vielleicht kann es helfen, die abstrakten Größen in für uns begreifbare Kontexte zu setzen.

Geschichtswissenschaft handelt nicht von Zahlen, sondern von Menschen. Trotzdem sind historische Texte voll davon: Jahreszahlen, Zeiträume, Menschenmengen, Größen- und Mengenangaben. Manchmal werden sie verglichen, man betrachtet ihre Entwicklung, erklärt ihren Kontext. Oft dienen sie einfach nur als Fixpunkte in einem Kontinuum von vorher und nachher. Geschichte handelt nicht von Zahlen, und trotzdem erzählen allein Zahlen manchmal eine verblüffende Geschichte. So ist vermutlich nur wenigen Menschen klar, wie viel leerer die Welt früher war. Und dies, ohne dass wir in weit entfernte historische Epochen zurückgehen müssen. Im Jahr 1900 lebten etwas 1,6 Milliarden Menschen auf der Welt, heute sind es 7,8. Es gibt heute also fast fünfmal so viele Menschen, ein erheblicher Unterschied nicht nur auf dem Papier; er wäre für uns auch sichtbar und spürbar. Aber wir können dies nur schwer nachfühlen, denn es ist eben nur eine Zahl auf dem Papier.

Historische Zahlenangaben bleiben für uns oft abstrakt, verschwimmen zu einem »ist echt lang her«, einem »ziemlich viel« oder »ganz schön wenig«.

Vielleicht kann es helfen, die abstrakten Größen in für uns begreifbare Kontexte zu setzen. Wenn es um Menschenmengen geht, ist für mich als Fußballfan eine sehr greifbare Größe das Erlebnis eines ausverkauften Stadions. Wer jemals in einem vollen Stadion wie in Dortmund war, weiß was ich meine. Dort ist eine große Zahl von Menschen nichts Abstraktes. Wenn ich, leider viel zu selten (und im Moment ohnehin nicht), auf »der Nord« sitze, gegenüber der berühmten gelben Wand und der größten Stehtribüne der Welt, dann wird eine große Menschenmasse intensiv spürbar, hörbar und sichtbar. Wer nie in einem vollen Stadion war, der stellt sich dies vielleicht einschüchternd vor, aber das ist es nicht. Es ist ein schwer zu greifendes kollektives Gefühl, aufregend und jenseits aller Vereinstreue verbindend.

Stellen wir uns vor, wie wir im Signal-Iduna-Park von Dortmund unten am Rand des Spielfeldes stehen. Der Rasen ist noch leer, aber die Ränge sind ausverkauft bis auf den letzten Platz. Das Stimmengewirr erfüllt wie ein dumpfes Dröhnen die Luft. Mit einem kleinen Schwenk unseres Kopfes sehen wir 81.365 Menschen, wir können diese Menge fast mit einem Blick erfassen. Wir sehen sie von der ersten unteren Reihe hinter den bannergeschmückten Zäunen bis weit oben unter das Stadiondach. Groß und klein, jung und alt, Fangruppen, Familien. 81.356 Menschen. Eine riesenhafte Menge und doch nicht abstrakt, denn schau, hier sind sie.

Behalten wir dieses Bild vor Augen, denn nicht die Mannschaften betreten nun das Feld. Stellen wir uns vor, es würden Waffen auf das weite Spielfeld gebracht. Keine Handfeuerwaffen, sondern weitreichende Maschinengewehre auf drehbaren Lafetten und sogar kleine Artilleriegeschütze, vier, fünf, vielleicht sogar zehn Stück. Die Schützen machen sich bereit und töten unter infernalischem Lärm alle Menschen im Stadion, jeden einzelnen von den ersten Reihen hinter den Zäunen bis weit hinauf zum letzten Platz unter dem Stadiondach. Wir lassen keinen am Leben. Das ganze Stadion ist voller toter Menschen, 81.365.

Schließlich lassen wie die Toten abtransportieren, jeden einzelnen, bis das Stadion leer ist. Man wirft die Leichen achtlos auf irgendein Feld oder den großen Zuschauerparkplatz. Das spielt keine Rolle, es ist uns egal. Am nächsten Tag lassen wir neuen Menschen ins Stadion strömen und wieder ist das Dortmunder Station voll bis auf den letzten Platz. Wir töten auch sie. Die großen Maschinengewehre bestreichen die Ränge, bis jeder einzelne tot ist, ein furchtbarer Anblick. Wir lassen auch diese Toten wegräumen und wiederholen es am nächsten Tag ein weiteres Mal. Nicht einer der 81.365 Menschen auf den Rängen überlebt.

Dies machen wir insgesamt fast zwei Wochen, 13 Tage lang, jeden Tag für Tag für Tag. So viele Menschen kamen im Ersten Weltkrieg in einer einzigen Schlacht an der Somme ums Leben, über 1,1 Millionen Tote. Eine abstrakte Zahl? Gewiss. Es sind 13 voll ausverkaufte Fußballstadien des größten Stadions in Deutschland. Und Schlachten in annähernd dieser Größenordnung gab es zahlreiche im Ersten Weltkrieg. Wir müssen uns stets bemühen, die Wirklichkeit hinter der Zahl zu fassen, denn ein unfassbarer Schrecken berührt uns nicht. Doch er beziffert das wahre Wesen des Krieges, eine ungeheure Zahl ermordeter Menschen.

Donnerstag, 14. Januar 2021

Eskapismus und Geschichtsbücher

Eine gute Zeit für historische Sachbücher. Realitätsnaher Eskapismus: Psychohygiene durch Erkenntnisgewinn.

In fortschreitenden Corona-Zeiten lebe ich im Niemandsland. Die Grenze zu einem aktiven analogen Sozialleben (Kneipe, Kölsch, Museum, Stadion … hey, fremde Menschen!) lässt sich zurzeit nicht überschreiten. Der Rückzug auf die Couch und in fiktive Welten ist deshalb verlockend und hat mich sanft durch die Weihnachtszeit geleitet.

Es fühlt sich gesund an, immer Mal wieder auf Mute zu drücken und die Welt auszuklammern. Doch die Gegenwart ist in Bewegung und historische Prozesse beschleunigen sich. Ich muss mit mir selbst die Frage ausmachen, wie gut sich vor diesem Hintergrund Eskapismus für mich anfühlt und wie ich der intellektuellen Unruhe begegne, die sich nicht mehr so recht abschütteln lässt. 

Als ich TV-Zuschauer der Ereignisse in den USA wurde, war es vor allem ein Satz, der mir immer wieder in den Sinn kam: Schluss mit Eskapismus. Die Welt ist für mich zu laut geworden, um sie auszusperren. Dass ich studierter Historiker bin, mag hier eine Rolle spielen. Ich habe das Bedürfnis, mich von spontanen Emotionen zu lösen, um die Sache irgendwie mit Abstand zu bewerten, aber für diesen Impuls muss man sicher nicht Geschichte studiert haben. Ich will jetzt hier gar nix zur USA schreiben, da gibt es Schlauere und Informiertere als mich. Aber ich muss mit meiner eigene Befindlichkeit umgehen. Bei Belletristik mag sich gerade keine rechte Entspannung einstellen. Mein vorgesehener Lesestapel wirkt seltsam schweigend, als hätten mir die bunten Cover aktuell nur wenig zu sagen. Es ist nicht so, als würden Sorge und ein vager »Weltschmerz« die Entspannung überlagern; es fühlt sich eher an, als würden die meisten Romane nicht die richtigen Denkbewegungen anregen, keinen zeitgemäßen Genuss bieten. Die Wirklichkeit hat gerade die relevantere und – ganz urteilsfrei – auch die spannendere Narration. Doch CNN in Dauerschleife ist die schlechteste aller Ideen, eine endlose, zermürbende Kette erregter Meinungsäußerungen. 

Eine gute Zeit für historische Sachbücher – realitätsnaher Eskapismus. Psychohygiene durch Erkenntnisgewinn. Phantastik – bekanntermaßen meine belletristische »Heimat« – ist in hohem Maße eine metaphorische Literatur. SF und Fantasy spiegeln und verfremden unsere aktuellen und vergangenen Lebenswirklichkeiten und Biografien, von Flash Gordon bis Kim Stanley Robinson. Doch je lauter die Geräusche der Wirklichkeit werden, desto stärkere Anziehungskraft haben die Realitäten hinter den Metaphern für mich. Dann sind es nicht die imaginierten Imperien, sondern die realen, keine Orks, sondern Nazis. 

Schon während meines Geschichtsstudiums war mir sehr bewusst, dass meine Liebe für historische Themen eine Liebe zu den Narrationen ist. Geschichtswissenschaft ist eine methodisch gebundene literarische Konstruktion und ein »Text« im philosophischen Sinne; und dennoch einige Schichten näher am »Ding an sich«, so es dies in sozialen Systemen gibt. Die vergangenen Könige, Imperien, Grausamkeiten, Niederlagen und Siege haben uns viel über unsere Gegenwart zu sagen. Nicht weil sich Ereignisse wiederholen, es ist die menschliche Natur und die Dynamik sozialer Systeme, die sich wiederholt.
Thukydides, der »Urvater« der modernen Geschichtsschreibung, der seiner Schilderung des Peloponnesischen Krieges im fünften Jahrhundert v. Chr. den Grund seiner Aufzeichnungen voranstellt, sah hierin den tieferen Sinn seiner Historie: »wer aber das Gewesene klar erkennen will und damit auch das Künftige, das wieder einmal, nach der menschlichen Natur, gleich oder ähnlich sein wird, der mag es so für nützlich halten …« Hieran hat sich, aus meiner Sicht, über die Jahrtausende nichts geändert.

Der historische Blick hat andere Möglichkeiten als CNN, die Wirklichkeit gedanklich zu bändigen, trennt vielleicht schneller Hysterie von berechtigter Sorge und schärft den Blick für das Langfristige hinter dem Spontanen. Doch natürlich geht es mir nicht nur darum, irgendetwas »in den Griff zu bekommen« oder zu bewerten. Es geht auch um Lesevergnügen. Ein Teil der Spannung beim historischen Sachbuch liegt für mich in dem Bewusstsein, dass ich über etwas wirklich Gewesenes lese. Etwas, das durch die Jahre oder Jahrhunderte nach mir greift und wie eine genetische Spur bis heute in meiner Wirklichkeit nachweisbar bleibt.

Geschichtswissenschaft beschäftigt sich mit dem Weg, den wir gegangen sind, um genau dort zu stehen, wo wir jetzt gerade sind … und weitergehen. Gerade in Phasen, in denen sich historische Prozesse beschleunigen (Wiedervereinigung, Zerfall der Sowjetunion, 9/11 … und auch die aktuelle Entwicklung in den USA), ist historisches Denken einer der Sensoren, die uns zur Verfügung stehen, um mehr zu sehen, als zu sehen ist. Überflüssig zu erwähnen, dass auch Historiker keine besonders zuverlässigen Zukunftsforscher sind. Doch wenn sich Historiker Sorgen machen, sollten wir auf jeden Fall wachsam werden.

Das spannendste Buch, das ich in den letzten Monaten gelesen habe, war Barbara Tuchmans Klassiker »August 1914« zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges und zum Verlauf des kurzen Bewegungskrieges, bevor Europa in den grausamen Knochenmühlen der Schützengräben erstarrte, um dort langsam auszubluten. Barbara Tuchman hat mich in solch unerwartet intensivem Maße gefesselt, dass ich meinen Lesestapel ignoriere und meinen Impulsen nachgebe, um von Buch zu Buch zu springen … Tuchmans Klassiker ist rund 60 Jahre alt und in einigen Perspektiven veraltet, deshalb kann man dort nicht stehen bleiben. 

Es folgte die aktuellere und überaus exzellente Darstellung von Michael Howard zum Ersten Weltkrieg und gerade zurzeit die Monografie »Die Spanische Grippe: Die Seuche und der Erste Weltkrieg« von Manfred Vasold. Ich kann dieses vergleichsweise schmale Bändchen gar nicht schnell genug zu Ende lesen (es kommt stilistisch auch nicht an die beiden vorherigen heran), denn schon wartet am Ende des Ersten Weltkrieges die Novemberrevolution in Deutschland und die Entstehung der Weimarer Demokratie. 

Hinter mir im Regal steht seit einigen Jahren ein (auch im Sinne des Wortes) Schwergewicht der modernen Geschichtswissenschaft, Orlando Figes Meisterwerk zur Russischen Revolution, »Die Tragödie eines Volkes«. Ich hatte es vor Jahren zur falschen Zeit in unpassender Stimmung begonnen und fühlte mich nach 100 Seiten wie von einer zu komplexen Symphonie überfordert. Nun scheint alles darauf zuzulaufen, aber wer weiß … ich bin gespannt, wohin mich meine Impulse führen werden. Vielleicht sogar in ein anderes Jahrhundert und näher an meine Studienschwerpunkte? Im Moment gebe ich mir freien Lauf. 

Vielleicht ist die Anziehungskraft, die geschichtswissenschaftliche Bücher derzeit auf mich haben, ein Hinweis, dass sich mein Eskapismus unbewusst mit meinem Weltgefühl synchronisiert. In einer unruhigen Welt geht der Blick zurück, wir suchen unsere Position im Fluss der Zeit.


Freitag, 4. September 2020

Verführung zur unmöglichen Liebe

Amal El-Mohtar und Max Gladstone führen uns in einen Krieg um die Liebe. In ihrer eleganten, poetischen Novelle This is How You Lose the Time War sind die eigentlichen Gewinner wir, die Leserinnen und Leser.

Für den französischen Philosophen Jean Baudrillard steht die Verführung nicht nur vor, sondern auch über der Liebe, denn während die Vorstellung von idealer Liebe einen Endzustand erträumt, in dem sich alle Widersprüche auflösen, geht die Verführung »von einer rätselhaften dualen Beziehung, einer werbenden, starken und geheimnisvollen Anziehung zwischen den Lebewesen und Dingen aus. Sie ist keine Form der Antwort, sondern eine Herausforderung, ein Duell, eine geheime Distanz und ein ständiger Antagonismus, aus dem sich Spielregeln ausbilden.«  [J. Baudrillard, Die Macht der Verführung] Wenn die Verführung eine Form des Duells ist, kann ein Duell dann auch zur Verführung werden?

Die feindlichen Agentinnen Red und Blue führen einen Kampf um die Zukunft aller Welten, doch wem ist der Krieger in der Einsamkeit des Schlachtfeldes näher als seinem Gegenstück auf der anderen Seite? Einen ebenbürtigen Gegner können wir respektieren, wir sehen uns in ihm und wenn der Kampf lang genug währt, dann wird er zu einem gemeinsamen Tanz und die Feindschaft zur Anziehung. So macht irgendwann einer der Kontrahenten eine respektvolle Geste oder einen spöttischen Gruß über Frontlinien hinweg, dem anderen zu zeigen, dass er ihn sieht. Nicht als Feind, nicht als Freund, sondern als Mensch.

Die Todfeinde Red und Blue öffnen diese Tür, in dem sie über die Geschehnisse und Manöver ihres Kampfes hinweg Kontakt zueinander aufnehmen. Zwei verbissene, geniale Schachspielerinnen, die sich plötzlich über das Brett hinweg in die Augen sehen. Und was sie dort sehen, ist ein Spiegel ihrer selbst. Aus einem Duell der Gegensätze wird ein gemeinsamer Kampf, ein Spiel und schließlich …  ohne es zu ahnen, ist es für Red und Blue der Beginn einer gegenseitigen Verführung mit ungewissem Ausgang.

»What do I want? Understanding. Exchange. Victory. A game – hiding and discovery. You’re a swift opponent, Blue. You play long odds. You run the table. If we’re to be at war, we might as well entertain one another.« [S. 46]

Ihr Krieg ist unendlich variantenreicher als Schach. Beide sind Gesandtinnen aus einer fernen Zukunft und für jede steht die eigene Welt auf dem Spiel. Blue und Red sind Elite-Soldatinnen in einem Zeitkrieg um alternative Wirklichkeiten. Als hochprofessionelle, präzise Agentinnen stürzen sie Welten und Zivilisationen in Abgründe oder heben sie aus diesen hervor. Wie in einem unfassbar komplexen Setzkasten werfen sie Millionen von Leben in die Restekiste der Zeit, wie ein Kind Playmobil-Figuren sortiert. Ein Wissenschaftler, der unerwartet eine Naturkatastrophe überlebt; eine Entdeckung, die nie gemacht wird; ein Krieg, der anders ausgeht als erwartet; ein Mönch, den der Klang des Windes zu einer neuen Religion inspiriert – Red und Blue verursachen Domino-Kaskaden durch die Jahrtausende. Oft sind es nur vermeintliche Kleinigkeiten, die wie Schmetterlingsflügel Imperien zum Einsturz bringen. Das Spiel, mit dem Red die subtile Manipulation der Zeitstränge vergleicht, ist nicht Schach, sondern Go.

»She plays a tenuous game, this strand. As she knots and thinks to herself, she decides she would describe it using terms from Go: You place each stone expecting it may do many things. A strike is also a block is also a different strike. A confession is also a dare is also a compulsion.« [S. 68]

10 hoch 171 ist die Anzahl der möglichen Stellungen auf einem Go-Brett und jeder Zug ist Berechnung und Ungewissheit zugleich. In diesem Multiversum fangen sich die beiden kühlen Vollstrecker gegenseitig in einem Katz und Maus Spiel, einem Duell aus Necken und Provozieren, aus Distanz und Nähe – die Quintessenz der Verführung. Red und Blue beginnen, Botschaften an den jeweils anderen in ihrem Spiel zu verstecken. Nach Außen hin unversöhnliche Feindinnen verschicken sie heimliche Briefe, die ihren Kriegsherren und Auftraggebern entgehen.

This is How You Lose the Time War berichtet uns über dieses Verhältnis hauptsächlich durch diese Briefe. Gladstone und El-Mohtar entfalten eine Brieffreundschaft unerhörter Raffinesse. Botschaften im Klang des Windes, in den Ringen eines alten Baumes oder dem Kreisen der Teeblätter in einer Tasse feinsten Porzellans. Für die Zeitsoldatinnen sind die Welten selbst die Leinwände ihrer Gefühle füreinander. Und je mehr sie die andere kennenlernen, desto mehr öffnen sie sich, offenbaren ihre Träume und Sehnsüchte. Wie zwei Teenager, die zum ersten Mal wahre Liebe entdecken, sind sie zugleich erschrocken über das unbekannte Terrain, das sie betreten. 

»I feel – I can’t say precisely what. I’m shaken. You know the edges of old maps that promise monsters and mermaids? Here there be dragons?« [S. 81]

Welch schönere Metapher könnte es geben für den Mut, den die Liebe von uns fordert? Beide wagen sich mit vorsichtigen Schritten in die entstehende Liebe, denn sie sind auf der Flucht vor einem gemeinsamen Feind: der Einsamkeit des Soldaten. Als Agentinnen des Zeitkrieges sind sie nur Werkzeuge, wertvolle Figuren eines Spieles, dessen Regeln und Züge sie nicht bestimmen. In ihrem Briefwechsel finden Red und Blue zum ersten Mal einen Gegenentwurf zu einem multidimensionalen Krieg, in dem letztlich nichts Bestand und Sinn hat.

»In the war they wage through time, what lasting advantage comes from murdering ghosts, who, with a slight shift of threads, will return to life or live different lives … Repetitive task, murder. Kill them and kill them again, like weeds, all the little monsters.« [S. 175]

Doch die Liebe von Red und Blue ist unmöglich. Es ist eine Liebe unter Kriegsgegnern, die nicht sein darf. In ihrer Sehnsucht, gemeinsam das Schlachtfeld zu verlassen, machen sie sich den Krieg selbst zum Feind. Die Kriegsparteien sind elementare Antagonismen, die weit flussabwärts in einer entfernten Zeit alles daran setzen, die jeweils anderen Zukünfte und Möglichkeiten niemals geschehen zu lassen. Auf der einen Seite die alles umsorgende, steuernde Matrix eines perfekten technophilen Endzustandes; auf der anderen der Sieg des Lebens über alles Unbelebte, ein grenzenlos umschlingender organischer Kosmos aus ewigem Vergehen und Werden. Biosphäre contra Technosphäre, die wie These und Antithese gegeneinander stehen. 

Zwischen diesen Welten scheint kein Kompromiss und keine Annäherung möglich. Für diese Gegner ergeben Romantik, Verführung und Liebe nur als verzuckertes Gift einen Sinn, sie kennen weder Empathie noch Gnade für einen Agenten des Feindes. Und wer spätestens hier beginnt, an Romeo und Julia zu denken, a pair of star-cross'd lovers, liegt nicht so falsch. Zwei Liebende, vom Unstern bedroht, nicht nur in fair Verona, sondern in allen Zeiten und Dimensionen. Doch während die Zuschauer des Elisabethanischen Zeitalters nicht nur keine Probleme mit Spoilern hatten, sondern diese sogar erwarteten, führen El-Mohtar und Gladstone den Leser in eine Ungewissheit aus Sehnsucht und Zweifeln. Was, wenn all dies nur ein perfider Trick der Gegenseite ist? »The best way to find out if you can trust somebody is to trust them«, schreibt Ernest Hemingway. Die wachsende Spannung dieser Liebesgeschichte entsteht durch diese elementare Unsicherheit, die nur durch einen mutigen Sprung in völliges Vertrauen gebannt werden könnte.

Die Geschichte, die uns Amal El-Mohtar und Max Gladstone erzählen, zeigt, was für eine großartige Länge eine Novelle hat. Ein Zwischenschritt zwischen einem überlangen Roman, den nur sehr wenige wirklich füllen können, und dem Hunger nach Mehr, den eine großartige Kurzgeschichte in uns zurücklässt. 

El-Mothar und Gladstone schreiben in einer eleganten, poetisch fließenden Sprache, weit über dem Durchschnitt des Genres und in einer Liga mit Sofia Samatar, Naomi Novik, Neil Gaiman, David Mitchell oder Ursula K. LeGuin. Manche Passagen war ich versucht, mir vorzulesen, um der Satzmelodie zu lauschen. Im SF Genre wird vielleicht etwas zu selten über Stil geredet und das finde ich schade, denn hier liegt der Schlüssel, den eine Geschichte zu unserem Herzen hat.

»I have been birds and branches. I have been bees and wolves. I have been ether flooding the void between stars, tangling their breath into networks of song. I have been fish and plankton and humus, and all these have been me.« [S. 72]

In allererste Linie aber ist diese Novelle eine Liebeserklärung an den Brief, jenes verzögerte Gespräch zwischen zwei Menschen; an die Zweifel und Sehnsüchte, die jeden Liebesbrief begleiten. Kein schneller Chat, sondern ein Bangen und Warten auf Antwort und Gegen-Antwort. Ein elegantes Medium aus zivilisierteren Tagen. Gladstone und El-Mothar transportieren das alte, klassische Format des Brief-Romans in die Multiversen eines schillernden und originellen SF Sujets und lassen uns auf eindrucksvolle Weise die Kraft des geschriebenen Wortes spüren. 

»… to read your letters is to gather flowers from within myself, pluck a blossom here, a fern there, arrange and rearrange them in ways to suit a sunny room.« [S. 90]

»A letter is more than text. She read Blue into her: tears, breath, skin – most of these traces were scrubbed away, but a few remain. She builds a model of Blue’s mind from the words she left.« [S. 183]

Mit ihrer Novelle haben Amal El-Mohtar und Max Gladstone einen Klassiker geschaffen, den man auch in vielen Jahren noch kennen und lesen wird. This is How You Lose the Time War wird zurecht einen sicheren Platz in zukünftigen »Best of …« Sammlungen einnehmen.

Donnerstag, 20. August 2020

Die bunte Mauer

      (Diese sehr kurze Geschichte muss ich Anfang der 90er Jahre geschrieben haben. Ich vermute 91', aber ganz sicher bin ich nicht. Worum es geht, wird schnell offensichtlich. Natürlich habe ich heute eine große Distanz zu meinen alten Texten, sie sind eher ein interessanter, manchmal etwas belustigter Blick auf ein jüngeres Selbst in einem anderen Zeitgeist. Mit der Distanz der Jahre sehe ich heute auch, wie fremd und weit entfernt mir vieles der bewegten Jahre von 89/90 damals war … und auch, welche Autoren ich damals besonders verehrte. Trotzdem mag ich diesen kleinen Text irgendwie bis heute. Und da ich "Die bunte Mauer" meines Wissens nie irgendwo veröffentlicht habe, poste ich den Text hier anlässlich meines ersten Throwback Thursday.)
 
 
    »Und was ist das?«
    »Eine Mauer.«
    »Bunt.«
    »Ja, das ist sie.« Wie zur Bekräftigung öffnete Leutnant Elegance eine Flasche Champagner, die er bis zu diesem Augenblick in den Falten seines weiten Uniformmantels verborgen hatte. »Doch dieses Stück ist nur ein armseliger Überrest«, fuhr er fort. »Man sagt, früher habe sie den ganzen Kontinent durchzogen.«
    »Wie aufregend.« Lady Priscin Carol Habermann ließ ihr Zigarettenetui mit einem leisen 'Schnapp' aufklappen, gefolgt von einer antiken Melodie. 
Leutnant Elegance hielt zwei Champagnergläser in der Hand und goss ein. »Es ist mir eine besondere Ehre, hier mit ihnen zu trinken, Lady Habermann.«
    »Danke.« Lady Priscin Carol Habermann lächelte und blies einige wunderschöne Rauchringe. Ihr Blut war aristokratisch, über jeden Zweifel erhaben. Ebenso wie Leutnant Elegance' Uniform.
    »Wozu war sie gut?«, fragte Lady Habermann und nippte an ihrem Glas.
    »Schwierig zu sagen. Es hatte etwas mit Bananen zu tun.«
    »Mit Bananen?« Amüsiert blickte Lady Habermann auf die bunten Zeichnungen an der Mauer, während sie über den knirschenden Schnee gingen. Der Himmel war grau und tief. Die Kälte verlieh ihren Gesichtern einen bleichen Schein und Wölkchen gefrorenen Atems tummelten sich über ihren Köpfen.
    »Das schmeckt gut.« Lady Habermann blickte in ihr Champagnerglas. »Warum haben sie es bis jetzt verborgen?«
    »Er ist aus Tunis.« Leutnant Elegance schmunzelte. »Doch zum Wohl.«
    »Zum Wohl.« Die Gläser waren leicht beschlagen. »Erzählen sie mir etwas über die Bananen, Leutnant Elegance«, bat Lady Priscin Carol Habermann und spannte ihren kleinen Schirm auf, denn ein leichter Schneefall hatte eingesetzt.
    »Bananen waren damals sehr wertvoll.« Leutnant Elegance zündete sich eine Zigarre an. »Doch sie waren ungleich verteilt.«
    »Wie ungerecht.«
    »Das fand man damals auch. Auf der bunten Seite der Mauer«, Leutnant Elegance zeigte nach rechts, »lebte ein Volk, das sich 'Bananenrepublik' nannte.«
    »Oh«, sagte Lady Priscin Carol Habermann. 
Wie schön ihr 'Oh' doch ist, dachte sich Leutnant Elegance und zog an seiner Zigarre. »Auf der anderen Seite«, erklärte er weiter und deutete mit seinem weißen Handschuh nach links, »lebte ein Volk, das nur aus Arbeitern und Bauern bestand.«
    »Wie romantisch.« Lady Habermann und klappte wieder ihr Zigarettenetui auf, nur um die schöne Melodie zu hören. Die zarten Klänge erfüllten die kalte Luft.
Das Stück Mauer war etwa zwanzig Meter lang. Sie waren am Ende angekommen und gingen auf der anderen Seite zurück. Lady Habermann stellte enttäuscht fest, dass die Mauer auf der Rückseite gar nicht so bunt war.
    »Die Menschen in der Bananenrepublik hatten, wie der Name schon sagt, alle Bananen gehortet.« Leutnant Elegance hielt einen Moment inne und strich sich über den Schnurrbart. »Natürlich fanden die Arbeiter und Bauern das sehr ungerecht.«
    »In der Tat.«
    »Ja, und deshalb kam es zur großen Revolution.«
    »Oh.« Lady Priscin Carol Habermann blickte ein wenig schockiert zum Leutnant. »Gab es viele Tote?«
    »Vermutlich.« Leutnant Elegance machte eine weitschweifende Geste mit seiner Hand. »Sie wissen doch, wie das im Krieg ist.«
    »Haben sie die Bananenrepublik erobert?« wollte Lady Habermann wissen.
    »Das war seltsam«, sagte der Leutnant. »Zunächst eroberten sie ihr eigenes Land, und dann verließen sie es alle. Die Menschen in der Bananenrepublik hießen sie aufs herzlichste Willkommen. Eine Zeit lang war es deshalb sehr leer auf der einen Seite.«
Lady Priscin Carol Habermann blickte gedankenversunken über die weite Ebene und versuchte, sich ein leeres Land vorzustellen. »Aber sie hatten alle Bananen?«
    »Ja und Nein«, erwiderte der Leutnant. »Die Menschen in der Bananenrepublik hatten ja sozusagen gewonnen, deshalb konnten sie die Bedingungen diktieren.«
    »So ist es halt«, seufzte Lady Habermann während sie durch den unberührten Schnee gingen.
    »Ja, so ist es.« Leutnant Elegance drückte den Zigarrenstummel mit dem Absatz seines Reitstiefels aus. »Noch etwas Champagner?«
    »Ja, gerne.«
    »Nun, die Bedingung war folgende«, nahm Leutnant Elegance den Faden seiner Erzählung wieder auf. »Alle Arbeiter und Bauern sollten fortan ebenso Bananen horten, sonst würden sie keine Hilfe bekommen.«
    »Hilfe wofür?«
    »Für‘s Bananen horten.«
    »Das klingt seltsam, aber doch eigentlich gar nicht so schlimm.«
    »Das dachten die Menschen damals auch. Doch dann geschah das Furchtbare.«
    »Furchtbar?« Lady Priscin Carol Habermann mochte die Art, wie der Leutnant das Wort aussprach. Er tat es so, wie es nur ein Leutnant aussprechen konnte, mit jenem Nachhall von Erfahrung und Erinnerung eines weit gereisten Mannes.
    »Ja, furchtbar«, sagte der Leutnant nochmals. »Auf ihr Wohl, Lady Priscin Carol Habermann.«
    »Auf ihr Wohl, Leutnant.« Das 'Pling' zweier Champagnergläser stand für einen kurzen Moment in der Luft. Sie waren wieder am Ende der Mauer angelangt.
    »Wissen sie, Lady Habermann«, erzählte der Leutnant. »Sie alle starben.«
    »Wie schrecklich.« Lady Habermann fröstelte. Sie wickelte ihren Schal ein wenig fester. »Was hatten sie falsch gemacht?«
Leutnant Elegance öffnete Lady Habermann die Tür ihres Wagens, in seiner unverwechselbar zuvorkommenden Art.
    »Danke«, sagte Lady Habermann.
    »Es kam so, wie es kommen musste«, meinte der Leutnant, während er der Lady in das Auto half. »Sie starben alle an Bananenvergiftung.«
Lady Priscin Carol Habermann schwieg, bis Leutnant Elegance den Wagen angeworfen hatte. Leise tuckernd entfernten sie sich von der Mauer.
    »Wie dumm«, sagte sie dann. »Aber so ist das halt.«
    »Ja, so ist das halt«, antwortete der Leutnant.
Der Schnee fiel nun dicht und flockig, und im Hotel warteten schon ein warmer Kamin und ein Glas Portwein auf sie.