Donnerstag, 27. März 2025
Die andere gleiche Jugend
Dienstag, 28. März 2023
Die Sehnsucht nach einem Feind
Eine Frau aus der sozialen Unterschicht Sydneys wird zum Opfer einer Jagd auf Terroristen. Der traurige, verstörende Roman The Unknown Terrorist von Richard Flanagan ist die bittere Analyse eines menschenfeindlichen »Kriegs gegen den Terror«.
Es gibt Romane, bei denen von Anfang an spürbar ist, dass sie auf üble Weise enden werden. Die Frage ist nur, wie schlimm das Ende sein wird und ob die Geschichte irgendeine Form von poetischer Gerechtigkeit bereithalten wird. The Unknown Terrorist ist der zweite Roman von Richard Flanagan, den ich gelesen habe. Ebenso wie A Narrow Road To The Deep North ist mir diese Geschichte unter die Haut gegangen. Ich kenne nur wenige Autoren und Autorinnen, die so schmerzhaft zupacken können.
The Unknown Terrorist ist die Geschichte der Stripperin und Tabletop-Tänzerin Gina Davies, im Roman und von ihrer Umgebung einfach nur »the Doll« genannt. Abend um Abend stellt sie ihren Körper zur Schau, um sich mit ihrem gesparten Geld irgendwann in den Schutz einer glänzenden Konsumwelt flüchten zu können. Es ist der einzige Schutz, den sie sich erträumen kann: eine Mauer aus Geld, Luxus und Sorglosigkeit. Hinter dieser Mauer, davon ist sie überzeugt, leben die »wirklichen Menschen«, jene, die etwas bedeuten.
The Doll lebt und arbeitet in Sydney. Die Stadt wird von einer Post-9/11-Hysterie beherrscht, in der jedes herrenlose Päckchen ganze Stadtteile lahmlegen kann und jedes weiße Pulver die Furcht vor einem Giftgasanschlag auslöst. Der Roman beschreibt eine unangenehme Atmosphäre aus Islamophobie, Populismus und selbstgefällig zynischen Wirklichkeitsanalysen ruhmsüchtiger Journalisten.
The Doll hat sich eine kleine Welt kleiner Hoffnungen aufgebaut. Nachmittage mit ihrer besten Freundin am Stadtstrand, Momente aus Freude und Vorstadt-Normalität, meistens eingekleidet in einen Schutzschleier aus Beruhigungstabletten, Antidepressiva und Aufputschmitteln. Und doch ist the Doll eine kämpferische Frau, eine, die einfach nur irgendwie durchkommen will. Sie schützt und bewahrt die Gina Davies in ihrem Inneren und hofft auf eine Zukunft, in der sie endlich ein »normales Leben« führen kann.
Die Handlung des Romans umfasst nur vier Tage. Als Gina Davies zusammen mit einem One-Night-Stand auf dem Video einer Überwachungskamera auftaucht, gerät ihr Leben aus den Fugen. Der Fremde, mit dem sie nur eine Nacht verbrachte, wird als Terrorist identifiziert. Die unbekannte Frau neben ihm auf dem Video wird von den panikhungrigen Boulevard-Medien schnell zur Komplizin gemacht, zur »Unknown Terrorist«. Es beginnt eine Hexenjagd, der the Doll völlig hilflos ausgeliefert ist.
Anstatt zur Polizei zu gehen, versucht sie, diesen Irrtum zunächst zu verdrängen. Jemand wie sie hat die staatliche Ordnung und die Polizei niemals als Schutz und Helfer erlebt. In der Welt von Gina Davies ist Unschuld keine relevante Kategorie, denn Gerechtigkeit sieht sie nur bei den Reichen. Wer würde ihr schon glauben? Ihr, der Puppe? Als ihr klar wird, dass sie sich der Situation stellen muss, um das Missverständnis aufzuklären, ist sie bereits tief in eine Menschenjagd verstrickt, in der Schuld oder Unschuld kaum noch eine Rolle spielen. The Doll ist das perfekte Opfer eines Terrorismuswahns, der sich nichts sehnlicher wünscht als einen Feind im Inneren. Gina Davies ist das perfekte Opfer, weil sie ihr ganzes Leben ein Opfer war: von Männern, von Drogen, von einer Gesellschaft ohne soziale Aufstiegschancen.
Worauf die Tragödie von the Doll zusteuert, bleibt bis zum schockierenden Schluss völlig unklar. Zugleich zeigt uns Richard Flanagan die Tragödie einer Gesellschaft, die sich durch Angst und Feindseligkeit beherrschen lässt und dabei genau jene Menschlichkeit verliert, die sie zu verteidigen vorgibt. Ein ergreifender, fesselnder Roman, der mich beeindruckt hat.
Mittwoch, 30. November 2022
Auch der Teufel sitzt in der Hölle
Ich habe The Narrow Road to the Deep North von Richard Flanagan gelesen. Für mich ist das ein überragend guter Roman. Hier ein paar Gedanken dazu.
Dorrigo Evans ist Arzt in einem Arbeitslager im burmesischen Dschungel während des Zweiten Weltkrieges. Unter der brutalen Herrschaft japanischer Offiziere und koreanischer Aufseher sollen größtenteils australische Kriegsgefangene eine ebenso irrsinnige wie sinnlose Bahnstrecke durch den Dschungel schlagen, zum Ruhm des japanischen Kaisers. Der historische Kontext ist authentisch, beim Bau der Thailand-Burma-Eisenbahn starben insgesamt 40.000 bis 90.000 Menschen. Dies ist eines der größten Kriegsverbrechen durch die Japaner. Auch der Film Die Brücke am Kwai handelt davon.
Flanagan schildert das Leiden und Sterben der Protagonisten dieses Kriegsverbrechens mit großer Eindringlichkeit und gnadenloser Detailtreue. Das ging mir beim Lesen an die Nerven und ich musste mehr als einmal das Buch senken und kurz innehalten.
Je tiefer ich beim Lesen in diese tägliche Qual hineingezogen wurde, desto mehr verschwammen Opfer und Täter in der Grausamkeit des Krieges. Alle sitzen in einer gemeinsamen Hölle, der Teufel ebenso wie seine Opfer. Auch die kleinsten Gesten von Menschlichkeit wirken in dieser Welt wie etwas übernatürlich Fremdes, wie die vagen Schatten einer Wirklichkeit, die für diese Menschen im Dschungel für immer verloren scheint. Und doch geht es in diesem bemerkenswerten Roman genau darum: Wie kann man ein guter Mensch bleiben? Und was bedeutet gut in einer Welt, in der es praktisch keine moralisch guten Handlungsoptionen mehr gibt?
Der Roman beginnt nicht in dem Arbeitslager und er endet auch nicht in ihm. Zeitlich und menschlich geht die Handlung weit über dieses zentrale Thema hinaus. Wir lernen Dorrigo Evans schon vor dem Krieg kennen und begleiten ihn auch danach in seinen letzten Jahren als gefeierter Chirurg, dekorierter Kriegsheld und ruheloser Ehebrecher und Frauenheld, dessen innerliche Leere jedoch nichts mehr aufzufüllen vermag.
Der Leser folgt den Schicksalen von Ewans Kameraden und Leidensgenossen, aber auch jenen der japanischen und koreanischen Kriegsverbrecher. Wir werden Zeuge von Verdrängung, Selbstlügen, von zerbrochenen Seelen und – selten und zart – Erlösung und Vergebung. Immer wieder wechselt die Erzählung zwischen den Zeiten und Menschen und verknüpft verschiedene Lebensgeschichten vor, während und nach dem Krieg. Im Zentrum dieser Lebensgeschichten übt die Todeslinie im Dschungel wie ein Schwarzes Loch seine durchdringende Gravitation auf das Leben aller Beteiligten aus.
Freitag, 4. September 2020
Verführung zur unmöglichen Liebe
Amal El-Mohtar und Max Gladstone führen uns in einen Krieg um die Liebe. In ihrer eleganten, poetischen Novelle This is How You Lose the Time War sind die eigentlichen Gewinner wir, die Leserinnen und Leser.
Die feindlichen Agentinnen Red und Blue führen einen Kampf um die Zukunft aller Welten, doch wem ist der Krieger in der Einsamkeit des Schlachtfeldes näher als seinem Gegenstück auf der anderen Seite? Einen ebenbürtigen Gegner können wir respektieren, wir sehen uns in ihm und wenn der Kampf lang genug währt, dann wird er zu einem gemeinsamen Tanz und die Feindschaft zur Anziehung. So macht irgendwann einer der Kontrahenten eine respektvolle Geste oder einen spöttischen Gruß über Frontlinien hinweg, dem anderen zu zeigen, dass er ihn sieht. Nicht als Feind, nicht als Freund, sondern als Mensch.
Die Todfeinde Red und Blue öffnen diese Tür, in dem sie über die Geschehnisse und Manöver ihres Kampfes hinweg Kontakt zueinander aufnehmen. Zwei verbissene, geniale Schachspielerinnen, die sich plötzlich über das Brett hinweg in die Augen sehen. Und was sie dort sehen, ist ein Spiegel ihrer selbst. Aus einem Duell der Gegensätze wird ein gemeinsamer Kampf, ein Spiel und schließlich … ohne es zu ahnen, ist es für Red und Blue der Beginn einer gegenseitigen Verführung mit ungewissem Ausgang.
»What do I want? Understanding. Exchange. Victory. A game – hiding and discovery. You’re a swift opponent, Blue. You play long odds. You run the table. If we’re to be at war, we might as well entertain one another.« [S. 46]
Ihr Krieg ist unendlich variantenreicher als Schach. Beide sind Gesandtinnen aus einer fernen Zukunft und für jede steht die eigene Welt auf dem Spiel. Blue und Red sind Elite-Soldatinnen in einem Zeitkrieg um alternative Wirklichkeiten. Als hochprofessionelle, präzise Agentinnen stürzen sie Welten und Zivilisationen in Abgründe oder heben sie aus diesen hervor. Wie in einem unfassbar komplexen Setzkasten werfen sie Millionen von Leben in die Restekiste der Zeit, wie ein Kind Playmobil-Figuren sortiert. Ein Wissenschaftler, der unerwartet eine Naturkatastrophe überlebt; eine Entdeckung, die nie gemacht wird; ein Krieg, der anders ausgeht als erwartet; ein Mönch, den der Klang des Windes zu einer neuen Religion inspiriert – Red und Blue verursachen Domino-Kaskaden durch die Jahrtausende. Oft sind es nur vermeintliche Kleinigkeiten, die wie Schmetterlingsflügel Imperien zum Einsturz bringen. Das Spiel, mit dem Red die subtile Manipulation der Zeitstränge vergleicht, ist nicht Schach, sondern Go.
»She plays a tenuous game, this strand. As she knots and thinks to herself, she decides she would describe it using terms from Go: You place each stone expecting it may do many things. A strike is also a block is also a different strike. A confession is also a dare is also a compulsion.« [S. 68]
10 hoch 171 ist die Anzahl der möglichen Stellungen auf einem Go-Brett und jeder Zug ist Berechnung und Ungewissheit zugleich. In diesem Multiversum fangen sich die beiden kühlen Vollstrecker gegenseitig in einem Katz und Maus Spiel, einem Duell aus Necken und Provozieren, aus Distanz und Nähe – die Quintessenz der Verführung. Red und Blue beginnen, Botschaften an den jeweils anderen in ihrem Spiel zu verstecken. Nach Außen hin unversöhnliche Feindinnen verschicken sie heimliche Briefe, die ihren Kriegsherren und Auftraggebern entgehen.
This is How You Lose the Time War berichtet uns über dieses Verhältnis hauptsächlich durch diese Briefe. Gladstone und El-Mohtar entfalten eine Brieffreundschaft unerhörter Raffinesse. Botschaften im Klang des Windes, in den Ringen eines alten Baumes oder dem Kreisen der Teeblätter in einer Tasse feinsten Porzellans. Für die Zeitsoldatinnen sind die Welten selbst die Leinwände ihrer Gefühle füreinander. Und je mehr sie die andere kennenlernen, desto mehr öffnen sie sich, offenbaren ihre Träume und Sehnsüchte. Wie zwei Teenager, die zum ersten Mal wahre Liebe entdecken, sind sie zugleich erschrocken über das unbekannte Terrain, das sie betreten.
»I feel – I can’t say precisely what. I’m shaken. You know the edges of old maps that promise monsters and mermaids? Here there be dragons?« [S. 81]
Welch schönere Metapher könnte es geben für den Mut, den die Liebe von uns fordert? Beide wagen sich mit vorsichtigen Schritten in die entstehende Liebe, denn sie sind auf der Flucht vor einem gemeinsamen Feind: der Einsamkeit des Soldaten. Als Agentinnen des Zeitkrieges sind sie nur Werkzeuge, wertvolle Figuren eines Spieles, dessen Regeln und Züge sie nicht bestimmen. In ihrem Briefwechsel finden Red und Blue zum ersten Mal einen Gegenentwurf zu einem multidimensionalen Krieg, in dem letztlich nichts Bestand und Sinn hat.
»In the war they wage through time, what lasting advantage comes from murdering ghosts, who, with a slight shift of threads, will return to life or live different lives … Repetitive task, murder. Kill them and kill them again, like weeds, all the little monsters.« [S. 175]
Doch die Liebe von Red und Blue ist unmöglich. Es ist eine Liebe unter Kriegsgegnern, die nicht sein darf. In ihrer Sehnsucht, gemeinsam das Schlachtfeld zu verlassen, machen sie sich den Krieg selbst zum Feind. Die Kriegsparteien sind elementare Antagonismen, die weit flussabwärts in einer entfernten Zeit alles daran setzen, die jeweils anderen Zukünfte und Möglichkeiten niemals geschehen zu lassen. Auf der einen Seite die alles umsorgende, steuernde Matrix eines perfekten technophilen Endzustandes; auf der anderen der Sieg des Lebens über alles Unbelebte, ein grenzenlos umschlingender organischer Kosmos aus ewigem Vergehen und Werden. Biosphäre contra Technosphäre, die wie These und Antithese gegeneinander stehen.
Zwischen diesen Welten scheint kein Kompromiss und keine Annäherung möglich. Für diese Gegner ergeben Romantik, Verführung und Liebe nur als verzuckertes Gift einen Sinn, sie kennen weder Empathie noch Gnade für einen Agenten des Feindes. Und wer spätestens hier beginnt, an Romeo und Julia zu denken, a pair of star-cross'd lovers, liegt nicht so falsch. Zwei Liebende, vom Unstern bedroht, nicht nur in fair Verona, sondern in allen Zeiten und Dimensionen. Doch während die Zuschauer des Elisabethanischen Zeitalters nicht nur keine Probleme mit Spoilern hatten, sondern diese sogar erwarteten, führen El-Mohtar und Gladstone den Leser in eine Ungewissheit aus Sehnsucht und Zweifeln. Was, wenn all dies nur ein perfider Trick der Gegenseite ist? »The best way to find out if you can trust somebody is to trust them«, schreibt Ernest Hemingway. Die wachsende Spannung dieser Liebesgeschichte entsteht durch diese elementare Unsicherheit, die nur durch einen mutigen Sprung in völliges Vertrauen gebannt werden könnte.
Die Geschichte, die uns Amal El-Mohtar und Max Gladstone erzählen, zeigt, was für eine großartige Länge eine Novelle hat. Ein Zwischenschritt zwischen einem überlangen Roman, den nur sehr wenige wirklich füllen können, und dem Hunger nach Mehr, den eine großartige Kurzgeschichte in uns zurücklässt.
El-Mothar und Gladstone schreiben in einer eleganten, poetisch fließenden Sprache, weit über dem Durchschnitt des Genres und in einer Liga mit Sofia Samatar, Naomi Novik, Neil Gaiman, David Mitchell oder Ursula K. LeGuin. Manche Passagen war ich versucht, mir vorzulesen, um der Satzmelodie zu lauschen. Im SF Genre wird vielleicht etwas zu selten über Stil geredet und das finde ich schade, denn hier liegt der Schlüssel, den eine Geschichte zu unserem Herzen hat.
»I have been birds and branches. I have been bees and wolves. I have been ether flooding the void between stars, tangling their breath into networks of song. I have been fish and plankton and humus, and all these have been me.« [S. 72]
In allererste Linie aber ist diese Novelle eine Liebeserklärung an den Brief, jenes verzögerte Gespräch zwischen zwei Menschen; an die Zweifel und Sehnsüchte, die jeden Liebesbrief begleiten. Kein schneller Chat, sondern ein Bangen und Warten auf Antwort und Gegen-Antwort. Ein elegantes Medium aus zivilisierteren Tagen. Gladstone und El-Mothar transportieren das alte, klassische Format des Brief-Romans in die Multiversen eines schillernden und originellen SF Sujets und lassen uns auf eindrucksvolle Weise die Kraft des geschriebenen Wortes spüren.
»… to read your letters is to gather flowers from within myself, pluck a blossom here, a fern there, arrange and rearrange them in ways to suit a sunny room.« [S. 90]
»A letter is more than text. She read Blue into her: tears, breath, skin – most of these traces were scrubbed away, but a few remain. She builds a model of Blue’s mind from the words she left.« [S. 183]
Mit ihrer Novelle haben Amal El-Mohtar und Max Gladstone einen Klassiker geschaffen, den man auch in vielen Jahren noch kennen und lesen wird. This is How You Lose the Time War wird zurecht einen sicheren Platz in zukünftigen »Best of …« Sammlungen einnehmen.
Montag, 17. August 2020
Ein Mann und seine Mission
Martial Arts Western, Pulp Fiction, Road Movie und Hard SF – Paul McAuley mischt einen Kessel Buntes
»… two men hanging from one of the branches high above, nooses tight under their chins, arms tied behind their backs, dressed in patched and much-washed cotton shirts and trousers. Flies orbited their heads, crawled over eyeless sockets and teeth exposed by rictus grins. Hard to tell how long they had been dead. Several days at least, maybe more.« (S. 53)
Auch die klare und lineare Story könnte aus einem Italo-Western stammen. Ein Mann auf der Jagd und zugleich auf der Flucht. Thorn ist ein ehemaliger Lucidor, ein Lawkeeper aus einem weit entfernten Land. Ein alternder Ex-Sheriff auf der Suche nach einem entflohenen Massenmörder, einem alten Fall voller offener Rechnungen.
Thorn auf den Fersen: sein altes Leben, ehemalige Kollegen, die ihn stoppen und zurückbringen sollen. Die vermeintliche Flucht des Mörders, den Thorn einst hinter Gitter brachte, war keine. Sie war ein schmutziger Deal unter Regierungen, im Kampf gegen eine fremdartige Invasion. Doch diese Art von Deal ist mit Lucidor Thorn nicht zu machen. McAuley erweist dem klassischen Cinemaskop-Western nicht nur mit Plot und Kulissen Referenz. Sein Held hat einen klaren Kompass, der durch nichts und niemanden zu erschüttern ist. Er ist der Gute und er weiß es. Einer wie er arbeitet nicht für Geld und akzeptiert keine Autoritäten, die nicht seinem moralischem Weltbild entsprechen.
»One of the lone dogs that the department found useful until they crossed a line or butted against an immovable authority, as they almost always did. They never attained the highest ranks, worked cases others had long ago abandoned, and often wrecked their careers or were sidelined or dismissed after upsetting someone in power or ignoring the chain of command.« (S. 51)
»He’d had his own agenda, had been stubbornly faithful to the damned code of honour which some might say had killed him in the end« (S. 389)
Der Leser ahnt, dass Thorns Sehnsucht nach Gerechtigkeit den Geschmack einer Tragödie hat. Die Erinnerungen an seine tote Frau begleiten ihn ebenso wie unzählige innere und äußere Verwundungen. Nichts kann ihn mehr über die Wahrheiten des Lebens hinwegtäuschen.
» ‚But an important part of growing old is accepting without regret that all lives end in some kind of failure. We never do everything we hoped to do, or do what we have done as well as we would have liked.‘« (S. 117)
Eine Figur wie Thorn lädt geradezu dazu ein, ihn mit Vorbildern und Archetypen der Filmgeschichte zu besetzen. Doch beim Lesen hatte ich keinen Mundharmonika spielenden Charles Bronson vor Augen und auch keinen einsamen Reiter wie Clint Eastwood. Für mich ist Thorn die gealterte Inkarnation von David Carradine aus der TV Serie Kung Fu und dies nicht nur wegens seines Kampfstabes, mit dem der Lucidor in bester Martial Arts Manier reihenweise Gegner außer Gefecht setzt. Hinter Thorns lakonischem Lächeln verbergen sich eine Menge wortkarger Aphorismen und eine klare Philosophie. Thorn kommt aus den Free States, einer egalitären, leicht sozialistisch angehauchten Nation ehemaliger Sklaven, die einen krasser Kontrast zu den autoritären Regimen bildet, mit denen er sich im Verlauf der Geschichte arrangieren muss.
McAuley lässt die Erkennungszeichen und Versatzstücke des Science-Fiction-Genres nur langsam einsickern. Auf seinem Weg durchwandert der Lucidor eine Welt, die uns bekannt und zugleich fremd ist. Bekannt durch die unzähligen Western-Referenzen, die bald um asiatische Stadtkulissen aus der Zeit des Boxeraufstandes erweitert werden. Fremd wird sie durch die fast beiläufig platzierten Hinweise, dass es sich hier eben nicht um den wohlbekannten Rahmen einer wohlbekannten Geschichte handelt. Statt der erbarmungslos brennenden Mittagssonne wandert ein Ring aus künstlichen Spiegeln über den Himmel, Gesetzlose feuern mit Blazern, psychisch begabte Menschen – zu denen mir nur das Wort Mutanten einfällt – nutzen ihre Fähigkeiten auf beiden Seiten des Gesetzes. Technische Artefakte wie Puls Engines, Mikroskope und Gen-Sequencer werden genutzt, ohne richtig verstanden zu werden. Es sind Hinterlassenschaften der legendären und immer noch verehrten Godlings. Geheimnisvolle Über-Wesen, für welche diese Welt vor Jahrtausenden wohl eine Art Erlebnispark war, bevor sie sich gelangweilt vom kosmischen Acker machten und ihre Spielzeuge sich selbst überließen.
Wer auf Erklärungen wartet, der wartet vergebens. Dem erfahrenen Leser ist klar: Hinter den Kulissen ist fortschrittlichste Hard SF am Werk. Wir befinden uns auf einer gigantischen Dyson-Sphäre, errichtet um den heißen Kern eines sterbenden Sternes. Und wir befinden uns in einer extrem weit entfernten Zukunft, kurz vor dem entropischen Altersruhestand. Hier hebt McAuley das Motiv des Spätwesterns auf die kosmische Bühne. Alles ist längst geschehen, alle Taten vollbracht.
»So much time has passed since the universe hatched from the cosmic egg that countless races have been able to bootstrap themselves to godhood. Every Star in our galaxy, every world, has been visited, used or changed by some kind of god.« (S. 383)
Die genauen Hintergründe und wissenschaftlichen Zusammenhänge bleiben dem Leser ebenso verschlossen wie den Bewohnern dieser künstlichen Welt. Einzelne »Philosophen« versuchen, rationalen Sinn in ihrer Welt und den Hinterlassenschaften der Godlings zu finden, doch ihre kleinen Fortschritte sind mühsam. Bei so viel Sense of Wonder bleibt eben nur das Wundern.
Nur einer hebt sich von allen ab: Remfrey He, der soziopathische Massenmörder, dem der Ex-Sheriff auf der Spur ist. Thorns Nemesis ist ein böses Genie und Genies werden dringend gebraucht, denn die Welt wird durch eine Invasion aus dem All bedroht. Fremde Gene verändern das Leben und wandeln es in einen Gruppenorganismus, der die Dyson-Sphäre effektiv und unempathisch wie ein Ameisenstaat unterwirft. A Virus is only doing it’s job. »Maps«, die Karten, die dem Roman den Titel geben, sind keine Landkarten, sondern Gen-Karten. Baupläne des Lebens, die nur von den mentalbegabten Map-Readern gelesen und verstanden werden können. Der War of the Maps ist der Kampf um die Ökosphäre und damit um die Zukunft dieser künstlichen Welt.
In der Schilderung der sich ausbreitenden Bio-Freak-Show scheint sich McAuley mit Lust an ein weiteres klassisches Genre anzulehnen: die comichaft grotesken Klischees der Pulp SF-Magazine und B-Picture, mit ihren Covern und Plakaten voller »unsagbarer Kreaturen«.
»Red crabs big as horses, enormous claws raised like boxers’ fists. Bloated bags squatting on clusters of restless tentacles. Bell-shaped translucent jellies … Balls got up from armour plates, teetering on spiky tripods. Child-sized things that appeared to be wearing their internal organs on the outside.« (S. 344)
Für mich ist schwer vorstellbar, dass McAuley die Sache hier völlig ernst nimmt. Eher bin ich versucht, die 3D-Brille gerade zu rücken und nach Chips und Drogen zu greifen. Remfrey He, den die autokratische Monarchie Patua dieser Bio-Invasion entgegenstellen möchte (man hat den Superschurken quasi ausgeliehen), ist ebenso jenseits von Gut und Böse wie der Gegner; dabei jedoch eitel, arrogant, narzisstisch und verlogen. Ein Mad Scientist in bösartigster Reinform, eine bizarre Mischung aus Josef Mengele und Joker. Und wie Letzterer ist er auch kein besonders zuverlässiger Bundesgenosse und entpuppt sich schnell als der Geist, den man wohl doch lieber nicht gerufen hätte. Was Lucidor Thorn zahlreiche »ich hab’s euch gleich gesagt« Momente verschafft.
So ist die Grundmechanik der Handlung letztlich simpel: Guter verfolgt Bösen, der aber vielleicht die Welt retten kann und damit irgendwie ja auch ein Guter wäre. Ob das den Guten zum Umdenken bringt? Diese Frage stellen sich Feinde, Freunde und Weggefährten von Lucidor Thorn. Der Leser allerdings nicht. Gut und Böse in dieser Geschichte sind frei von Zwischentönen. Man tut gut daran, die oberflächliche Klarheit der Personen von Anfang an Ernst zu nehmen. Sie hat keinen doppelten Boden. War of the Maps ist letztlich vor allem die Geschichte einer unverrückbaren Feindschaft, in der die Fronten scharf und hart wie eine Diamantklinge sind. Als Protagonisten eines Entweder-oder sind Remfrey He und Thorn Anachronismen in einer Welt unaufhörlichen kulturellen und biologischen Wandels. Der Sheriff und der Massenmörder wirken wie die binären Größen des ewigen Kampfes zwischen Gut und Böse. Das Schwarz-weiß der einleitenden Westernklischees wird im Laufe der Handlung zum Kampf um die Schöpfung selbst.
Auf diese Weise verwehrt McAuley den beiden Hauptfiguren jedoch auch jede innere Entwicklung. Starr haben sie ihre Seiten und Wahrheiten schon lange vor Beginn der Handlung gewählt und folgen diesem Kompass mit teilweise ermüdender Beharrlichkeit. Der Lucidor zum Ende des Romans ist im Grunde derselbe, wie wir ihn zu Beginn kennenlernen, wenn auch in gesundheitlich schlechterem Zustand. Doch Alter, Krankheit und Verletzungen können hier keine Charakterentwicklung ersetzen.
Nimmt man Ursula K. LeGuins Bestimmung eines Romans als Schilderung der Veränderung eines Menschen, dann bleibt McAuley uns dies schuldig. Und hier beginnen auch kleinere Schwierigkeiten, die ich mit dem Roman hatte. Vor allem der zu lang geratene Mittelteil plagte mich durch Langeweile. Wenn nichts passiert als Schauplatzwechsel und austauschbare Gefahren, passiert im Grunde recht wenig. Fehlt die innere Entwicklung der Hauptperson, dann fehlt genau das, was einen Roman von »unterhaltsam« zu »wirklich gut« erhebt. Dieser Roman ist unterhaltsam, aber um mich 400 Seiten mit emotionaler Anteilnahme lesen zu lassen, braucht es genau das: emotionale Anteilnahme. Und hier bleibt der Roman leider in seinen Western-Zitaten und Pulp-Reminiszenzen stecken. Eindimensionale Figuren ergeben eine eindimensionale Geschichte und damit jenseits der 200 Seiten zwangsläufig eine gewisse Eintönigkeit. So hätte der Roman mehr Charakterentwicklung oder weniger Seiten gebraucht, um mich wirklich zu begeistern. War of the Maps bleibt jedoch ein unterhaltsamer Reigen fremder Kulturen, bizarrer Einfälle und weitgestreuter Genre-Zitate. Und David Carradine war einfach eine coole Sau. Das mag auch mal genügen.




